„Ein Haus ohne Bücher ist arm, auch wenn schöne Teppiche seinen Boden und kostbare Tapeten und Bilder die Wände bedecken.“ Hermann Hesse

„Mängelexemplar“ von Sarah Kuttner [Hörbuchrezension]


„Mängelexemplar“ Hörprobe

Karo hat Angst. So sehr, dass sie zuerst in der Notaufnahme landet und schließlich zu einem Psychiater geht. Beim ersten Mal denkt sie noch, dass es vielleicht nur eine Ausnahme war, nur eine einmalige Angelegenheit. Doch schließlich muss sie einsehen, dass die Angst nur die Spitze des Eisbergs ist, die Art ihres Geistes, ihren Körper zu benutzen, um ihrem seelischen Zustand Ausdruck zu verleihen.

In Sarah Kuttners Debütroman „Mängelexemplar“ beschäftigt sich die Protagonistin Karo mit genau dieser Angst und der ihr zugrunde liegenden Depression.

Karos Geschichte hat mich bewegt. Einerseits, weil jeder, der sich mit dem Thema Depressionen beschäftigt hat, sich ab und an in Karo wieder finden wird und andererseits, weil sie so unverblümt offen und ehrlich ist. Eine Selbstreflexion, die manchmal etwas übertrieben wirkt, denn nach dem Hören kennt man Karo wirklich in- und auswendig, aber auch zeigt, dass man auch mit der besten und objektivsten Selbsteinschätzung die Störung Depression nicht besiegen kann. Ganz im Gegenteil, manchmal sollte man weniger darüber nachdenken.

Karo als Person ist daher weniger spannend, man kennt sie relativ schnell, was dem Buch aber nicht schadet, denn ihre Geschichte und ihre freche, witzige und selbstironische Art sind unterhaltsam und interessant gleichermaßen.

Kuttners umgangssprachlicher Schreibstil in Verbindung mit dem häufig verschwiegenen Thema regt zu einem offenen Umgang mit Depressionen an. Es sind so viele betroffen und es braucht Betroffenen nicht unangenehm sein darüber zu sprechen, denn wer hat sich die Störung schon ausgesucht?!

Anfangs musste ich mich an Sarah Kuttners Art zu lesen gewöhnen, denn sie liest so energiegeladen, teilweise laut und voller Überschwang, dass ich ziemlich überrascht war. Doch schon bald stellte ich fest, dass diese offene und ehrliche Art einfach Karo ist und somit ihr Wesen unterstreicht.

Sarah Kuttner liest, wie nur eine Autorin ihr eigenes Werk vorlesen kann. Meistens wirkt es mehr, als würde sie eine Geschichte erzählen, auf ihre freche, fröhliche und souveräne Art. Wenn Karo aggressiv wird, spricht Kuttner mit lauter, ärgerlicher Stimme. Ist sie jedoch traurig und bedrückt passt sich Sarah Kuttners Stimme auch perfekt dieser Stimmung an. Und auch die Nuancen dazwischen, so wie eine quengelige Karo, die scherzende Karo oder die verzweifelte Karo weiß die Sprecherin gut umzusetzen. Manchmal etwas übertrieben, aber meistens einfach passend.

Besonders die konkreten Betonungen der wörtlichen Rede lassen den Zuhörer spüren, dass Sarah Kuttner eine genaue Vorstellung von Karo und ihrer Person hat. Dadurch kommt man ihr sehr nahe, näher, als man es beim Lesen täte, denn in der geschriebenen Umgangssprache kann ein ganz anderer Eindruck entstehen, als eigentlich gemeint ist. Wie sagt man so schön: Der Ton macht die Musik.

Einer der besten Sätze des Buches ist meiner Meinung nach: „Du bist kein Hauptgewinn! Du bist ein Mängelexemplar!“ Und sein wir mal ehrlich: Sind wir nicht alle Mängelexemplare, mit kleineren oder größeren Stempeln? Schließlich ist niemand perfekt und daran ist auch nichts schlimm. Ganz im Gegenteil!

4

Ein herzliches Dankeschön an den ARGON HÖRBUCHVERLAG, für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!

ARGON

5 CDs – Gesammtlaufzeit 317 Minuten

Ungekürzte Autorinnenlesung

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