„Ein Haus ohne Bücher ist arm, auch wenn schöne Teppiche seinen Boden und kostbare Tapeten und Bilder die Wände bedecken.“ Hermann Hesse

„Schwimmen“ von Nicola Keegan [Rezension]


„Schwimmen“, der Debütroman der irischen Schriftstellerin Nicola Keegan, handelt vom Leben der rekordverdächtigen Schwimmerin und Olympiasiegerin Philomena Grace Ash, den Wettkämpfen sowie den persönlichen Krisen und glücklichen Momenten.

Philomena wird als Zweites von vier Mädchen, Ende der 60er, im erzkatholischen Kansas geboren. Schon beim Babyschwimmen wird klar, dass sie eine besondere Beziehung zum Wasser und zum Schwimmen selbst, hat.

Nach zwei schweren Schicksalsschlägen wird das Schwimmen zum wichtigsten Lebensinhalt. Durch den Erfolg bei den Landesmeisterschaften, die sie in mehreren Disziplinen gewinnt, wird der berühmte Schwimmtrainer E. Mankowitz auf sie aufmerksam und bietet ihr die Chance, bei Olympia teilzunehmen. Sie ergreift die Chance und wird eine der erfolgreichsten Schwimmerinnen überhaupt. Dass dies gerade nach der Karriere auch Schattenseiten hat, erfährt Philomena am eigenen Leib. Die Geschichte um Philomena ist eine fiktive Geschichte in realem Rahmen, die von ungefähr 1967 bis heute spielt. Reale Ereignisse sind die Olympischen Spiele 1984 in Los Angeles, die von den Ostblockstaaten und der DDR boykottiert wurden, und an denen Philomena zum ersten Mal teilnimmt. Ebenso spielen die Olympiade 1988 in Seoul und die 1992 in Barcelona eine Rolle. Philomena selbst erinnert an keine wirkliche Person der damaligen Zeit, ist heutzutage aber vergleichbar mit Michael Phelps, der auch die berühmte Acht (acht Goldmedaillen bei einer Olympiade gewinnen) schaffte.

„Schwimmen“ ist ein außergewöhnliches Buch, denn es reißt den Leser auf eine ungewöhnlich intensive Art und Weise mit, die nicht immer positiv ist. Die Verluste, die Philomena erlebt, gehen dem Leser selbst sehr nahe, denn die einzelnen Figuren wachsen einem sehr ans Herz. Sie sind nicht perfekt in ihrem Handeln und Tun und gerade das macht sie so sympathisch, z.B. der etwas verrückte Vater und Fledermausforscher Leonard, der oft so liebevoll und später so traurig ist und Bron, die intelligente ältere Schwester, die der Wahrheit allzu direkt ins Auge sieht. Der Verlust einer solch lieb gewonnen Person geht nicht nur Philomena nah. Anders und doch ähnlich verhält es sich mit den Wettkämpfen. Wenn die Autorin diese näher beschreibt, fiebert man selbst mit, als würde man Olympia vor dem Fernseher verfolgen – die Augen fliegen nur so über die Seiten. Dies tut Keegan allerdings nicht sehr oft, sie konzentriert sich meist mehr auf das Innenleben von Philomena und das kann für den Leser zu einer echten Herausforderung werden. Nachdem Phil aufhören muss, professionell zu schwimmen stellt sie fest, dass da gar nichts mehr ist. Sie ist allein und weiß nicht was sie mit sich und ihrem Leben anfangen soll, denn eigentlich will sie nur schwimmen. Philomena fällt in ein tiefes Loch – und der Leser fällt mit.

Die letzten 200 Seiten beschreiben fast ausschließlich ihre Einsamkeit und die Depressivität, das kann für den eher zartbesaiteten Leser wirklich anstrengend werden, denn man kann es ihr so nachfühlen, diese unendliche Leere und die Flucht vor allem und allen. Anfangs hängen die Kapitel kaum zusammen, sie erinnern an die Montagetechnik, die Gemeinsamkeit: Es geht um Philomena. Es wird in chronologisch erzählt, doch wird sehr viel im Vorhinein angedeutet und teilweise erst sehr viel später näher erläutert. Ab dem zweiten Teil greifen die Kapitel mehr ineinander, was das Lesen erleichtert.

Eine weitere Besonderheit von „Schwimmen“ ist die Vermischung von Philomenas Realität und ihrer Fantasie, die sehr lebhaft ist. Sie weiß zwar, dass bestimmte Personen tot sind, redet jedoch mit ihnen, als stünden sie vor ihr und genauso wird es auch beschrieben, sodass man sich manchmal sehr wundert, dass bestimmte Personen wieder auftauchen, obwohl sie doch eigentlich nicht mehr existieren.

Bemerkenswert ist auch Keegans Schreibstil und ebenso sicherlich nicht jedermanns Sache. Sie verwendet Aufzählungen, die schon mal eine halbe Seite einnehmen, viele Neologismen und manchmal scheinen die aneinandergereihten Wörter keine Bedeutung oder einen sehr tiefen Sinn zu haben, den es zu suchen und zu finden gilt.

Alles in allem ist es ein wirklich außergewöhnliches Buch – wortgewaltig, gefühlsstark, mitreißend und manchmal sehr skurril.

4

480 Seiten

rowolth

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